Frankfurt Marathon 2016

Ich biege rechts auf die Friedrich-Ebert-Anlage. Plötzlich durchzuckt mich ein Schmerz am linken hinteren Oberschenkel. Ein Krampf zwingt mich zum Stehenbleiben. Ich will wieder loslaufen, das ist aber unmöglich. Nun stehe ich hier nur 700 Meter entfernt von der Ziellinie am Straßenrand, unfähig einen Schritt zu gehen. Die Uhr tickt gnadenlos runter, wird es jetzt noch zur Bestzeit reichen?

Drehen wir die Uhr gut 48 Stunden zurück. Das Marathonwochenende hat für mich gerade begonnen. Die Trainings zuvor liefen alle sehr gut durch, ich hatte in der direkten Vorbereitung 10 Läufe mit mindestens 25 km absolviert, sieben davon waren über 30km lang. Die Zeiten waren top und der Bestzeit stand normalerweise nichts im Wege. Selbst das Wetter sollte mitspielen: Sonnenschein und kaum Wind. Ich schlendere über die Messe und hole meine Startnummer ab. Alles recht entspannt am Freitag Nachmittag. Gleich danach steht schon das erste Highlight am Marathoneochenendes an. Guilty76, ein Rock’n’Roll-Radsportverein aus Frankfurt und Saysky hatten zu einem 42km-Staffellauf geladen. Gelaufen wurde die Frankfurter Meile, ein symbolischer Kilometer, der am Main langführte und in Wirklichkeit 860 Meter 😉 lang war. Meine Crew, die Adidas Runners Frankfurt hat natürlich zugesagt. Und zur Unterstützung kamen Steffen Ulizcka (2:15:02 beim Marathon in Berlin) und Philipp Pflieger (Olympiateilnehmer in Rio, Bestzeit beim Marathon 2:12:50).

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#ballern mit Steffen Ulizcka
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mit Philipp Pflieger

Sie liefen teilweise einige Runden mit. So lief immer je ein Läufer je Staffel, nach Lust und Laune mit Begleitung, und die anderen feierten bei fetten Beats den Einstand zum Marathonwochenende. Nach zwei Runden einlaufen, hieß es dann auch für mich losballern, 3:34/km war dann der Schnitt für meine Runde. Ein guter Shakeoutrun für Sonntag. Zum Abschluss gab es noch eine Ehrenrunde mit der gesamten Crew, schließlich stand der Spaß im Vordergrund. Unseren „Marathon“ mit 42 Runden haben wir in 2 Stunden 17 durchgezogen. Der Abend haben wir dann noch mit dem ein oder anderen Getränk ausklingen lassen, so dass es marathonuntypisch etwas später ins Bett ging. Da der Marathon aber erst zwei Tage später war, ist dies natürlich kein Problem.

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letzte Runde mit der Crew

Die Nacht zum Sonntag verlief sehr ruhig und ich bin sehr entspannt zur Adidas Runners Runbase angereist. Adidas hatte die Freitagsküche gemietet und diese zu einer perfekten Runbase ausgestattet. Am Vortag fand dort schon das Carboloading statt. Nach und nach trudelten die Läufer ein. Nicht nur aus unserer Crew aus Frankfurt waren Läufer am Start, wir hatten auch Besuch von den Crews aus Berlin, München und Wien. Mit den Staffelläufern wollten heute mehr als 60 Member Frankfurt laufend erkunden. Noch kurz das obligatorische Gruppenfoto und dann ging es Richtung Start, der nur 600 Meter von der Runbase entfernt war.

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Crewfoto

Obwohl in Frankfurt über 16.000 Läufer angemeldet waren, läuft alles sehr entspannt ab. Nicht umsonst ist Frankfurt auch als Marathon der kleinen Wege bekannt. 15 Minuten vor dem Start stehe ich im zweiten Block (3:01-3:15) sehr weit vorne, schließlich wollte ich in Richtung 3:05 starten und schauen was geht. Das Wetter spielte mit, es war keine Wolke zu sehen und man fröstelte im Tanktop nur leicht.

Pünktlich um 10:00 erfolgte der Startschuß und die Menge begann sich zu bewegen. 60 Sekunden später begann auch für mich das Rennen.

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beim Start

Der Vorteil aus einem vorderen Block zu starten, ist dass sich das Feld sehr schnell sortiert. Die Runde um das Westend verläuft unspektakulär und ist mir bestens vertraut, schließlich habe ich hier bis Ende 2013 gewohnt. Ich verlasse mich bei den ganzen Hochhäusern nicht auf das GPS, sondern kontrolliere meine Zeit mittels der der km-Schilder. Das Tempo war schnell gefunden und die ersten 5km waren mit 21:32 (4:18/km) sehr gut im Plan. Jetzt ging es das erste mal vorbei an der Alten Oper und die erste Innenstadtrunde steht an.

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bei km 6

Hier ist der Support immer hervorragend, was vor allem in der zweiten Runde (km36-41) sauwichtig ist. Trotz des kleinen Anstiegs bei km9 an der Uni vorbei, blieb das Tempo bei 21:25 (4:17/km). Jetzt geht es auch wieder bergab. Ich höre einen Krankenwagen, kann ihn aber noch nicht lokalisieren. Da sehe ich ihn aus der linken Seitenstraße kommen. Biegt er nach rechts ab oder will er die Laufstrecke queren? Ein Polizist breitet die Arme aus, die Läufer werden kurz angehalten. Trotzdem laufen einige knapp vor den Krankenwagen noch durch. Ein wenig verstehe ich die Leute nicht, die 5 Sekunden warten sind jetzt nicht entscheidend. Es geht vorbei am Eschenheimer Turm und dann weiter zur Konstabler Wache. Kurz danach folgt der erste Staffelwechsel. Rüber geht es über die Alte Brücke, rechts sieht man die Skyline: ein Fotohotspot. Am Sachsenhausener Ufer passieren wir das 14km-Schild, 1/3 geschafft. Nach dem nächsten Kilometer folgt die dritte Matte, jeder der mich verfolgt, kann quasi live meinen Lauf miterleben: 21:20 (4:16/km), nochmals leicht schneller geworden.

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km 13 über die Alten Brücke

Jetzt wird es relativ unspektakulär. Es beginnt die lange Schleife nach Höchst, vorbei an der Bürostadt Niederrad geht es nach Schwanheim. Die nächsten 5km sind mit 21:32 (4:18/km) im Kasten. Und gleich darauf folgt die Halbmarathonmarke: 1:30:33 ist ein sehr guter Zwischenwert, der beste für mich bei einem Marathon. Bei km24 folgt der nächste Anstieg über die Schwanheimer Brücke, den ich gar nicht so hart empfinde. Vielleicht waren die 3.800 Höhenmeter in den Alpen zwei Wochen zuvor doch ein gutes Training. Ich teile mir die restliche Strecke in 6km-Abschnitte ein. Noch zwei Abschnitte bis zur Racebase, wo der geilste Cheeringpoint auf mich wartet und dann noch ein Abschnitt bis ins Ziel. Alles sehr überschaubar und gut für den Kopf. Wir sind in Nied bei km25. 21:45 (4:21/km) habe ich für die letzten 5km gebraucht und es wird jetzt schwerer die Pace zu halten. Für die 3h 05 habe ich aber schon zwei Minuten rausgelaufen. Jetzt den Wendepunkt in Höchst, wo es nochmal ein paar Höhenmeter gibt. Dann folgt km28, 2/3 geschafft. 🙂 Wir überqueren die Nidda und erreichen den letzten Staffelwechsel. Jetzt geht es zurück Richtung Stadt.

Am Beginn der Mainzer Landstraße folgt das 30km Schild: 22:16 (4:27/km). Der Einbruch kam schon schleichend und nun geht es 4km geradeaus. Psychologisch ist es aber nur noch ein 6km-Abschnitt bis zur Racebase. In den Waden kündigen sich jeweils links und rechts kleine Krämpfe an. Es ist noch laufbar und ich habe keine Schmerzen, allerdings ist gefühlt der Offen nun aus. Ich laufe wie gegen eine Wand und versuche noch schneller als 5:00/km zu laufen. Die Pace pendelt sich zwischen 4:40-4:45/km ein. Die 3h05 sind gerissen, jetzt heißt es sauber zu Ende laufen und Plan B (= Bestzeit unter 3h10) im Fokus zu haben. Wir unterqueren die A5, die Hälfte der Mainzer ist geschafft. Jetzt sind die Restkilometer einstellig. Nach zwei weiteren km biegen wir nach links ins Europaviertel. Ich laufe am Verpflegungsstand vorbei, es gibt Cola. Ich realisiere das aber zu spät und greife nur Wasser. Wir sehen die Skyline vor uns, es piept. Wir sind gerade über die 35km-Matten gelaufen 23:26 (4:41/km). Die Uhr zeigt 2h33 an, also noch 37 Minuten Zeit für die 3h 10. Ich beginne zu rechnen: für die 195m ziehe ich pauschal eine Minute ab, also noch 36 Minuten für 7km. Es reicht ein 5:05er-Schnitt. Das ist durchaus machbar.

Jetzt sind es nur noch 1.000 Meter bis zur Cheeringzone der Adidas Runners. Ich laufe an der Skylineplazza vorbei und biege nach links auf die Mainzer ab. Nur noch 2 Querstraßen. Da höre ich schon die Crew: „Hier kommt Jens“. Ich kann sie noch nicht sehen, aber die Stimmung ist Wahnsinn. Ich reiße die Arme hoch und rocke den Asphalt. Links taucht plötzlich Kenny in Kriegsbemalung auf. Rechts sehe ich den Citychef von Adidas Christian und unseren Crewcaptn Fab. Die Beats vom DJ peitschen die Menge und mich an. Bäääm, die Konfettikanone wird abgefeuert. Was für eine Stimmung! Ich passiere die Passage wie im Rausch und schaue kurz danach auf die Uhr: 4:35/km. Die Anfeuerung hat gewirkt.

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Konfettiregen
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rocking the Cheeringzone
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die Cheeringzone beflügelt
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Greetings to the crew!
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beste Stimmung
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DJ
crew
ein Teil der Crew mit Steffen Ulizcka, der Mona Stockhecke zu 2h31 gepaced hat

 

Weiter geht es zum Platz der Republik und kurz danach folgt das 37km-Schild. Nur noch läppische 5km. Die Bestzeit scheint eingetütet. Die Pace ist zwar jetzt deutlich langsamer mit 4:50/km, aber ich laufe trotzdem immer mehr Puffer zur neuen Bestzeit heraus. Ich bin an der Hauptwache, jetzt nur noch zum Eschenheimer Turm und dann geht es nur noch zurück Richtung Festhalle. Der linke hintere Oberschenkel spielt nicht mehr ganz mit und will mir einen Krampf ankündigen. Bei der Verpflegung kurz vor km40 trinke ich endlich eine Cola und dehne ganz kurz den Muskel für ein paar Sekunden und laufe direkt weiter. Der letzte Abschnitt hat 24:04 (4:49/km gedauert).

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Endspurt bei km 41

Jetzt geht es heim und normalerweise kann ich da noch einen Schritt zulegen. Über die Freßgaß geht es an der Alten Oper vorbei und ich biege links in die Mainzer Landstraße. Ich muss meine Beine wegen den sich ankündigenden Krämpfen etwas schonen, aber jetzt ist es nicht mehr weit. Es geht vorbei an der Deutschen Bank, dann dem Trainon, in dem ich arbeite und zeitweise Treppentrainings absolviere. Jeder Meter ist mir bekannt. Die vorletzte Kurve ist zu sehen und ich biege rechts auf die Friedrich-Ebert-Anlage. Und nun stehe ich hier, mein linker hinterer Oberschenkel ist komplett zu. Ich geh an den Rand um die anderen Läufer nicht zu behindern und versuche vorsichtig den Muskel zu dehnen. Gleichzeitig bieten mir zwei Zuschauer je eine Flasche Wasser an. Ich trinke ein wenig und stehe gefühlt eine halbe Ewigkeit, in Wahrheit sind es 45 lange Sekunden. Ich versuche leicht loszutraben und es geht erstaunlicherweise ganz gut. Vorbei am Startbogen und den Messeturm im Blick. Es folgt die letzte Linkskurve und es sind nur noch 200 Meter. Ich laufe locker in die Festhalle ein, mein vierter Finish in Frankfurt. Die Uhr bleibt bei 3:08:42 stehen, das erste mal unter 3h 10 geblieben und die Zeit um genau 2 Minuten verbessert.

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endlich, die Festhalle
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das Ziel

Am Ende der Festhalle hole ich mir die verdiente Finishermedaille. Ich nutze das Angebot der Verpflegung und trinke eine Brühe und ein schönes alkoholfreies Bier. Ich hab ganz schön viele Elektrolyte verloren, deshalb auch der kleine Einbruch von 7,5 Minuten auf der zweiten Hälfte. Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis und sehr glücklich. Und ich weiß, es ist noch Luft nach oben.

massage
Jimmie und seine Wunderhände
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die Schuhe haben gute Arbeit geleistet

Bedanken will ich mich noch bei der Crew der Adidas Runners von Frankfurt. Was ihr auf die Beine gestellt habt war genial. Am Freitag die Chance mit zwei saustarken Marathonläufern zu laufen, bekommt man nicht immer. Die Racebase am Sonntag war ein Traum. Jimmie, der meine müden Beine wieder massiert hat, die Versorgung mit Getränken und Essen danach. Richard und Tim, die megageile Bilder gemacht haben und auch Ann-Kathrin die mir saustarke Bilder hat zukommen lassen. Danke an die ganze Crew um Captn Fab und Coach Danie, ihr habt bei km36 alles gegeben und mich nochmal richtig gepusht – so wirklich richtig. Für mich war nicht der Zieleinlauf das beste am Marathon, sondern durch diese geile Cheeringzone zu laufen. Last but not least, danke Christian, für den ganzen Support!

Ein Gedanke zu „Frankfurt Marathon 2016

  • 4. Januar 2017 um 17:29
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    Verdammt gut! Fängt ja wie ein Tatort an. Auffällig oft den Schuhersteller erwähnt, aber das ist wohl Eure Laufgruppe. Wenn die Familie mitmacht, laufe ich 2017 ebenfalls FFM.

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