Sachsentrail UltraRun, mein erster richtig langer Lauf

Da stehe ich nun in zweiter Reihe hinter der Startlinie mitten im Erzgebirge. Es sind nur noch wenige Sekunden bis zum Startschuss, um mich herum warten 130 andere Trailrunner das es losgeht. Vor uns liegen 70,3km und 1.810 Höhenmeter. Ja bin ich den eigentlich komplett verrückt?

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Startvorbereitungen

Angemeldet zu diesem Lauf hatte ich mich Ende Februar. Meine Frau hat mir die Startgebühr und die persönliche Betreuung zum Geburtstag geschenkt. Nach mehreren Marathonteilnahmen, wollte ich den nächsten Schritt gehen und in meinen Kopf spukte das Wort ULTRA umher. So irgendwas von 60 bis 70km wären doch schön. Eigentlich hatte ich mit dem Zugspitz Supertrail geliebäugelt, dann zog es aber mein Bruder vor, lieber an diesem Wochenende zu heiraten. Meine Frau hat vor meinem Geburtstag etwas recherchiert und auch den Sachsentrail gefunden. Ich zog sie immer etwas auf, wenn sie mich fragt, wohin ich gerne in den Urlaub fahren würde, antwortete ich sehr gerne mit „ins Erzgebirge“. In meiner Kindheit war ich mit meinen Eltern ein paarmal dort, in Oberwiesenthal und auch schonmal in Breitenbrunn. Das ist aber schon 30 Jahre her. Da sind wir öfters 10km gewandert. Das war als Kind so langweilig. Und nun will ich hier gleich 70km laufen und das freiwillig, ja ich zahle sogar dafür.

Der Morgen am Start verlief relativ ruhig. Ein größerer Schauer, der morgens um 4:00 über das Erzgebirge zog, hat mich schon geweckt. Ist ja nicht das beste Laufwetter. Aber ich hatte meine Regenjacke dabei, am Tag zuvor war noch nachmittags ein Gewitter für den Lauf angekündigt. Das Regenband zog aber weiter und wir sind eine Stunde vor dem Start im Sportpark Rabenberg angekommen. Da die Ultras relativ früh starteten, war nicht viel an der Startnummernausgabe los und alles war sehr entspannt. Um 6:30 gab es noch ein kurzes Streckenbriefing, alles gut. Wir sollen nur beim wurzeligen Downhill aufpassen, die Strecke ist noch etwas nass und damit rutschig.

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an der Startlinie

Um 7:00h ging es dann los. Im lockeren Trabschritt ging es in den Wald. Der Sportpark Rabenberg ist umgeben von zahlreichen Mountainbiketrails und die sind heute komplett für die Läufer gesperrt. Ich wollte es am Anfang locker angehen, durchkommen hieß die Devise, mit einer möglichst guten Zeit. Nach 800m ging es eine kleine Steigung hinauf, sie noch nicht ganz so steil und gut zu laufen. Und dann passierte es, ich schaute nach links und die Läufer die gerade noch vor mir liefen, kamen uns auf einem kleinen Trail, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, entgegen. Dann erreichte auch ich den Eingang und es war genial. Ein Singletrail schlängelte sich in einem leichten Gefälle um die Bäume. Erst leicht verwurzelt und später noch leicht verblockt. Trotzdem nicht zu technisch und ideal zu laufen. Diese Art von Trails mag ich am liebsten. Ich wollte diesen ersten Abstieg kontrolliert angehen, schließlich will ich meine Oberschenkel nicht gleich abschießen. Die Pace war allerding mit gut 6:00 auf den Kilometer sehr locker, nur der Puls war eindeutig zu hoch. Ich fühlte mich nicht locker, im Training konnte ich teilweise schneller und mit einem niedrigeren Puls laufen. Das wird ein langer Kampf heute, schwirrte es mir in dem Kopf herum. Wo es herunter geht, muss es bekanntlich auch wieder hoch gehen. Die passierte nach gut 7km auf einem Weg am Schwarzwasser entlang. Die Steigung war aber recht moderat, alles war laufbar. Das habe ich den Alpen schon anders erlebt. Teilweise merkte man hier den Regenguss vom Morgen, die Wege waren teilweise sehr schlammig und ich versank mit dem ganzen Schuh im Matsch. An einer Stelle hatte auch ein Unwetter gewütet, überall lagen umgeknickte Bäume über die wir drübersteigen durften. Das kostet natürlich alles etwas Zeit.

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Trail bei km 10

Nach gut 14km, ein Fünftel der Strecke war nun geschafft, erreichten wir die tschechische Grenze. Hier ging 4km es schnurrgerade auf einem Weg, den man nur erahnen konnte. Links Deutschland und rechts Tschechien. Ab und zu sah man auch einen Grenzstein. Irgendwie verliere ich den Weg und lande links im Wald. Das kann nicht sein, zum Glück habe ich mir vorher die Strecke angeschaut und auch als Track auf die Garminuhr geladen. Bin also querfeldein wieder nach rechts zur Grenze und habe den Weg wieder gefunden. Dieser landet dann direkt in den Grenzgraben, der ca. 1m hoch ist. Der Weg ist so schmal, es passen keine zwei Füße nebeneinander und die ganze Zeit geht es leicht bergauf. Sowas hat man nicht überall. Nach einem kurzen Schwenk geht es nun auf gut ausgebauten Forststraßen weiter, gut um wieder etwas Tempo aufzunehmen. Nach 18km passieren wir dann auch die Grenze und am Hotel Roter Fuchs gibt es bei km 20,5 die erste Vollverpflegung auf tschechischer Seite. Die Auswahl ist riesig, Kartoffeln, Laugenstangen, Kekse, Kuchen, Müsliriegel, Bananen usw., und neben Wasser wird auch Iso, Erdinger und Cola angeboten. Ich hatte mir 8 Smoothiegels von Powerbar in den Rucksack gepackt, am Ende habe ich davon nur 4 gebraucht, weil ich so viel an den Verpflegungsstellen gefuttert hab. Das Extragewicht hätte ich mir auch schenken können, aber im letzten Jahr hatte ich beim Zugspitz-Marathon einen Hungerast erlitten und wollte auf Nummer sicher gehen. So hieß es dann nur kurz Wasser auffüllen, aufgrund der regelmäßigen Verpflegungspunkten und dem nicht zu heißen Wetter hatte ich nur eine 500ml Softflask dabei, kurz was trinken und was zu essen schnappen und dann direkt weiter. Ich wollte nicht so viel Zeit bei den leckeren Verpflegungspunkten vertrödeln.

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Staatsgrenze

Es ging auf Forststraßen weiter, nach oben locker trabend und obwohl die Steigung so 6 bis 7% betrug, konnte ich den 7er Schnitt halten. Bei km 24 ging es dann in Richtung des nächsten Verpflegungspunktes wieder bergab. Das Tempo pendelte sich bei 5:30/km ein. So kam der nächste Verpflegungspunkt bei km 27,4 recht schnell, hier konnte man vorher sogar Dropbags abgeben und in 19km kommen wir hier nochmal vorbei. Ich habe darauf verzichtet, aber so ein frisches Shirt wäre Gold wert gewesen. Mein Shirt war klatschnass geschwitzt und der Schweißtransport funktionierte so gut, dass selbst meine Hose nass war. Nun ging es weiter Richtung Oberwiesenthal und die Steigungen bei km 30 und 31 betrugen 9 bis 10%. Es hieß also im Stechschritt hoch, das Tempo war dennoch bei 9:00-9:59/km, also eigentlich in Ordnung. So langsam war die Halbzeit erreicht. Ich hatte mir das Höhenprofil ausgedruckt und die Verpflegungsstände dort markiert. Bei km 37 sollte der nächste kommen. Ich zählte immer die Kilometer bis zum nächsten Stand runter, also noch 4,0km, noch 2,8 usw. Das macht die lange Distanz sehr erträglich, da diese in sehr viele kleine Abschnitte geteilt wurde. Als ich dort angekommen bin trank ich immer dasselbe. Erst Cola und dann Erdinger. Ich hab mich dabei auch kurz für 30 Sekunden auf die Bank gesetzt, dann ging es weiter. Hier habe ich mehr als die Hälfte schon absolviert und ich begann zu rechnen. Ich war bereits 4 Stunden 16 unterwegs. Selbst beim schnellen wandern mit 10min/km würde ich locker unter 10 Stunden brauchen. Bei rechnerisch 33 weiteren km, wäre ich noch 5h 30 unterwegs, also insgesamt 9h 46. Das hab ich fast jeden Kilometer gemacht und als alter Zahlenfreak ist es ein Tick von mir. Aber ich merke jeden Kilometer, dass die maximale Zielzeit immer kleiner wird. Kurz später erreichen wir mit 1.030 Höhenmeter auch den höchsten Punkt. Wir sind fast bis Oberwiesenthal gelaufen und überqueren die Grenze und laufen wieder zurück. Mein nächstes Ziel war die Marathonmarke. Es ging wieder bergab und ich konnte gute 5:40min/km laufen und nach ca. 4h45 erreichte ich die virtuelle Marathonmarke. Ab jetzt ist jeder Kilometer Neuland, aber es waren nur noch 28km. Jetzt war ich mir recht sicher zu finishen, schließlich fühlte ich mich noch recht gut.

Jetzt fehlten nur noch 4,5km zum Dropbag-Verpflegungsstand, ich freute mich auf die Cola. Dort angekommen nahm ich mir meine Standardgetränke und setzt mich kurz auf einen Stuhl. Aber wieder nur ganz kurz  für die Psyche. Dann nahm ich mir ein paar Apfelspalten und ein Apfelgetränk und marschierte weiter. Essen konnte ich auch im Gehen.

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Verpflegung bei km 46,7

Wir streiften leicht eine Ortschaft, bevor es wieder in den Wald ging. Und es ging wieder hoch. Bei der 8-9%igen Steigung war das Wandertempo wieder durchschnittlich knapp unter 10min/km. Der Weg war durch die ganzen Steine nicht ganz so einfach zu laufen. Bei km 49 rief jemand vor mir, nur noch ein kleiner Halbmarathon. Das packst du jetzt auch noch, dacht ich mir: aber es fehlten ja auch noch 600 Höhenmeter. Sobald die Steigung wieder flacher wurde, begann ich auch wieder anzulaufen, auch wenn die Personen vor mir noch wanderten. Die Uhr piepst, jetzt bin ich genau 50km gelaufen, ein schöner Meilenstein. Ich war jetzt 5h und 51 Minuten unterwegs. Das pusht nochmal und bis zur nächsten Verpflegung sind es auch nur noch 2,5km. Man, was freue ich mich auf die Cola. Beim Verpflegungsstand kommen von links nun auch die Halftrailer auf die Strecke. Während wir Ultras schon 52,7km gelaufen sind, wirken die Halftrailer, welche 4 Stunden und 15 Minuten später gestartet sind, noch recht frisch. Mittlerweile hat leichter Regen eingesetzt. Nun habe ich mir die Strecke in 2x 9km eingeteilt, denn bei km 61 kommt der letzte Verpflegungsstand mit Essen. Da wir dem Sportpark wieder etwas näher kommen, laufen wir nun wieder ab und zu auf Biketrails. Dieses mal aber bergauf, was nicht mehr ganz so einfach ist. Obwohl nun auch noch die Quartertrailer (19km-Lauf) mit auf die Strecke geführt werden, überholt mich nicht wirklich einer, obwohl ich die Anstiege gehe. Bei km 59 sind wir wieder mit den Halftrailern alleine auf die Strecke und dürfen einen wunderschönen Trail, der sich serpentinenartig nach oben schlängelt, laufen. Ich hole mein Handy aus der Tasche. Der Empfang ist wieder da und ich schreibe meiner Frau, dass ich noch ca. 90 Minuten brauchen werde. Wir laufen gerade in nur ein Kilometer Entfernung vom Ziel vorbei, man kann den Sprecher direkt hören. Aber es wir wollen ja noch eine Schleife drehen. Die noch zu laufenden Kilometer sind mittlerweile einstellig geworden. Ich nehme noch ein Powerbar-Smoothie und trinke die leckere Cola beim Verpflegungsstand bei km 60,5. Die schmeckt bei solch einer Belastung einfach fantastisch. Der Weg führt wieder nach unten, das Tempo liegt aber trotzdem über 7:00/km. In den Waden merke ich ganz leicht Punkte, die einen Krampf ankündigen. Und dann kommt es, bei km 63,5 hebe ich meinen Fuß nicht ganz hoch und bleibe an einem Stein hängen. Ich stolpere, kann mich aber noch abfangen. Dabei krampft die rechte Wade heftig. Instinktiv ziehe ich den Fuß nach oben, damit die Wade nicht komplett verkrampft. Da funktioniert ganz gut, nur bekomme ich den Fuß nicht komplett hoch, um den Krampf zu lösen. Zum Glück bleibt der nachfolgende Läufer stehen und drückt mir gegen den Fuß. Der Krampf ist weg und ich kann wieder weiter laufen.

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Schlussanstieg, ich versuche zu traben

Bei km 65 gibt es nochmal was zu trinken. Der Stand steht an der Straße, die wir heute morgen zum Sportpark langgefahren sind. Jetzt geht es nur noch 200 Meter bergauf. Lockere Anstiege trabe ich hoch, doch dann wird es wieder zu steil. Meine Uhr sagt noch 2,5km. Das sind im Wandertempo 25 Minuten. Ich bin jetzt etwas mehr als 8 Stunden unterwegs. Ich gebe nochmal Gas und marschiere Stechschritt. Ich versuche unter 10min/km zu bleiben und es klappt. Das Ziel ist nah, ein Kletterpark kündigt das Sportzentrum an. Ich beginne wieder zu traben. Es geht aus dem Wald raus. Eine kleine links-rechts-Kurve und ich steuere geradewegs auf das Ziel hinzu. Die sub 8:30 werde ich schaffen. Meine Frau steht direkt hinter dem Ziel und hält die Kamera drauf. So habe ich nicht nur viele Bilder in meinem Kopf, sondern kann mich an den schönen Zieleinlauf erinnern. Es stehen nicht viele Menschen dort, das ist auch nicht nötig. Aber mit dem Schritt über die Ziellinie habe ich den längsten Lauf absolviert. Ich bin Ultrarunner, was ein schönes Gefühl! Ich lasse mir die Medaille um den Hals hängen und genieße den Moment.

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ich hab sie mir verdient, die Medaille

Die Zeitmessung ergibt, ich bin 27. von 83 Männern im Ziel gewesen. Das ist für den ersten Ultra doch ein anständiges Ergebnis. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind direkt die 430km nach Mainz gefahren. Meine Frau wollte das Viertelfinale gegen Italien sehen. Am nächsten Tag war mein schlimmster Muskelkater an den Schultern, die Beine waren erstaunlich frisch. So konnte ich nach 75 Stunden Pause dann doch schon wieder zum ersten Lauf nach dem Ultra aufbrechen.

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es geht in die Startbox
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Start
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Start
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Trail an der Grenze
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links Deutschland, der Grenzgraben und dann rechts Tschechien
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im Ziel
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da ist das sie

2 Gedanken zu „Sachsentrail UltraRun, mein erster richtig langer Lauf

  • 13. Juli 2016 um 12:23
    Permalink

    Doppelte Glückwünsche halten besser. Ich hatte schon auf Instagram applaudiert: Eine wirklich großartige Leistung. Am besten gefällt mir das Foto, wo du die Medaille bekommst. Hut ab 🙂

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